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Kontokorrentkredit – bei den meisten Mittelständlern zu niedrig?!

Geschätzte 90% aller kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) dürften Erfahrung mit diesem Klassiker aller Betriebsmittelkredite haben. Trotz dieser Bedeutung ist keine wirklich sichere Methode zur exakten und zweifelsfreien Ermittlung der notwendigen Größenordnung anerkannt. Wie können Unternehmen vorgehen?

KMU-Berater Bernd Tovar, ehemaliger Firmenkundenbetreuer einer Volksbank, geht der Problematik auf den Grund und stellt Lösungswege vor.

Einfluss der Beteiligten

Die Komplexität der Frage „Was ist die richtige Höhe eines Kontokorrentkredites für KMU?“ ergibt sich unmittelbar aus den Beteiligten, die direkt Einfluss auf dieses Finanzierungsinstrument nehmen:

1. Als erstes wäre da der Unternehmer selbst zu nennen. Er ist mit seinen Entscheidungen im Unternehmen die wichtigste Komponente in diesem Zusammenhang.

2. Weitere entscheidende Einflussfaktoren auf die Inanspruchnahme eines Kontokorrentkredites stellen sowohl die Kunden des Unternehmens als auch deren Lieferanten dar. Sie haben mit den ausgehandelten Zahlungsbedingungen und ihrem Zahlungsverhalten (!) erheblichen Einfluss.

3. Die alles entscheidende Instanz stellen allerdings die Banken dar. Sie haben je nach Bonität des Kreditnehmers und nach Art und Umfang möglicher Kreditsicherheiten letztlich die Entscheidungskompetenz.

Interessen beeinflussen Höhe des Kontokorrentkreditrahmens

Diese drei Beteiligten haben ihrerseits wiederum gänzlich unterschiedliche Interessen. Das hat natürlich jeweils erheblichen Einfluss auf die „notwendige“ bzw. „richtige“ Bemessung des erforderlichen Kontokorrentkreditrahmens. Aber schön der Reihe nach, was sind nun die einzelnen Interessen, die offenbar nicht unter einen Hut bzw. in einen „passenden“ Kreditrahmen zu bringen sind?

Der praktisch veranlagte Unternehmer

Der praktisch veranlagte Unternehmer ist in der Regel voll und ganz in sein Tagesgeschäft eingebunden. Häufig fehlt ihm auch eine betriebswirtschaftliche Expertise, um seine finanzwirtschaftlichen Themen qualifiziert zu analysieren, zu bewerten und zu entscheiden.

Für ihn sind im Zusammenhang mit einem angemessenen Kontokorrentkreditrahmen eher sein täglicher Kontostand, seine vergangenheitsbezogenen Erfahrungen und sein Bauchgefühl entscheidungs-relevante Ratgeber.

Fehlende betriebswirtschaftliche Expertise

Er kennt sich nicht aus mit den Schlagwörtern, die bei diesem Thema von Bedeutung sein könnten: Goldene Finanzierungsregel, Anlagenunterdeckung, Debitoren-/ Kreditorenlaufzeit, abschreibungskongruente Finanzierungsdauer, Bilanzstruktur, betriebsnotwendiges Anlage- und Umlaufvermögen – vieles sind die berühmten „Böhmische Dörfer“ für ihn.

Als Folge dieser Faktoren hat er sich mit der Zeit halt an die „schwierige Kontoführung“ als Basis seines Tagesgeschäftes gewöhnt. Oftmals wird diese unangenehme – weil schwierige Aufgabe – auch großzügig auf die mitarbeitende Ehefrau delegiert. Nach dem Motto: „Die bekommt das schon geregelt!“

Einfluss der Zahlungweise durch Kunden

Der Einfluss der Kunden auf einen Kontokorrentkredit wird schon deutlich, wenn wir uns mit dem Geschäftsmodell des Unternehmens befassen. Ein Händler, der abends seine Tageseinnahme auf sein Bankkonto einzahlen kann, dürfte einen anderen Kreditbedarf haben als z.B. ein gewerblicher Dienstleister, der mit Rechnungsstellung arbeitet. Hier ist er abhängig vom Zahlungsverhalten seiner Kunden: Zahlen sie mit Skonto oder im vereinbarten Zeitrahmen, verspätet und im schlechtesten Fall überhaupt nicht!

Einfluss der Zahlungweise durch Kunden und Lieferanten

Die Einflussnahme auf die Notwendigkeit eines KK-Kredites durch die Lieferanten eines Unternehmens kann ebenfalls erheblich sein. Viele Szenarien sind vorstellbar und kommen in der Praxis regelmäßig vor: Die Bandbreite geht von Lieferung gegen “Vorkasse“ bis zu branchenüblichen Zahlungszielen von 180 Tagen und teilweise deutlich darüber hinaus.

Leicht einsehbar, das dies Einfluss auf den erforderlichen Kreditrahmen haben muss. Erst recht, wenn diese Bedingungen einseitig zu Lasten des Unternehmens kurzfristig verändert werden. Das kommt häufiger vor, als mancher denkt!

Der dritte wichtige Beteiligte bei einem Kontokorrentgeschäft ist die Bank. Für sie gelten so entscheidende Schlagworte wie: Kundenbonität, Kreditausfallrisiko, Kreditsicherheiten und eine risikoadäquater Zinssatz.

Banken errechnen Kredithöhe analytisch

Banken machen üblicherweise ihre Bereitschaft für ein derartiges Kreditgeschäft mit ihrem Kunden anhängig von umfangreichen Analysen der „wirtschaftlichen Verhältnisse“. In diesem Rahmen werden Bilanz und Gewinn- und Verlustrechnung ausgewertet und analysiert. Vermögens- und Schulden-Gegenüberstellungen bewertet und Kreditsicherheiten geprüft. Am Ende dieser Prozesse trifft die Bank ihre Kreditentscheidung.

Mittels der vorgenannten Erkenntnisse kommt es dann häufig zu einer eher theoretisch berechneten Kredithöhe. Sie berücksichtigt in erster Linie die Bankinteressen entsprechend den vorgenannten Fakten und oft weniger den wirklichen Kundenbedarf.

„Die meisten Unternehmen haben einen zu geringen Kontokorrentkreditrahmen“. Diese Aussage macht Odo Steinmann, Vorstandsmitglied der Volksbank Rhein-Nahe-Hunsrück eG als Gast der Fachgruppe Finanzierung-Rating am 26.02.2013.

Bei nüchterner Betrachtung aller hier aufgezeigten Komponenten im Zusammenhang mit der Bemessung des „passenden“ Kontokorrentkredites kommt schnell die Erkenntnis: Das „Kontokorrentkredit-Puzzle“ hat zu viele Teile in den Händen zu vieler Interessenten. Wie soll das zusammenpassen?

Mögliche Berechnungswege

Eine überschlägige Ermittlung geht von den üblichen Zahlungszielen aus: Unternehmen mit Bar- und EC-Karten-Kunden benötigen danach einen Monatsumsatz als KK-Linie; bei Kunden mit 30 Tagen Zahlungsziel sind zwei Monatsumsätze sinnvoll.

Ein nächster Schritt ist die Sammlung „qualifizierter, statistischer Unternehmenszahlen“. Mittels der monatlichen BWA wird eine Zahlenreihe über die zeitliche Entwicklung zu einer wirkungsvollen Entscheidungshilfe. Als aussagefähige Werte dienen folgende Unternehmensdaten:

·    Monatsumsatz
·    Warenbestand
·    Bestandgröße Forderungen an Kunden
·    Bestandsgröße Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen
·    Bankkontostand zu eingeräumten KK-Kredit

Diese fünf Positionen ergeben mit der Zeit jeweils im Verhältnis zueinander Linien. Aus rechnerischen Höchst- und Niedrigstwerten lässt sich daraus ein pragmatischer Kontokorrentkreditbedarf ermitteln. Banken können üblicherweise derartig begründete Plausibilitäten und solche Dokumentationen gut nachvollziehen. Sie erkennen sie dann auch als überzeugende Argumentation – neben den o.g. eigenen Einschätzungen – für die Bemessung eines Kreditrahmens an.

Eine einfache Formel gibt es nicht

Wem auch diese Vorgehensweise noch zu viele Unwägbarkeiten beinhaltet, der wird seinen Kontokorrentkreditbedarf über eine Liquiditätsplanung auf Monatsbasis ermitteln.

Eines wird aber auch aus diesen „Praxistipps“ deutlich:

Die „einfache Formel“ zur Berechnung des „passenden“ Kontokorrentkredites gibt es leider nicht. Dafür sind die unterschiedlichen und sich teilweise widersprechenden Interessen der Beteiligten zu komplex.

 

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