Sanierer Wissensdatenbank, Sanierer News, 24.05.2016

Eigenverwaltung in der Insolvenz - Ein ideales Sanierungswerkzeug

Erfahrungen mit der Sanierung von Unternehmen in Eigenverwaltung gemäß § 270a Insolvenzordnung.


Planer KMU-Berater

KMU-Berater Thomas Planer

KMU-Berater Thomas Planer schildert seine Erfahrungen als Sanierungsberater mit der Sanierung von Unternehmen in Eigenverwaltung.

Wer hat Angst vor Insolvenz?

Eigenverwaltung in der Insolvenz ein ideales Sanierungswerkzeug!

Selbstverständlich! Wer als Unternehmer in der Krise steckt, hat Angst vor einer möglichen Insolvenz. Wenn man die bisherige „Misserfolgsstory“ des Insolvenzrechts ansieht, ist die Angst des Unternehmens begründet:

  • Lediglich in 2 % aller Unternehmensinsolvenzen wird ein Insolvenzplanverfahren eröffnet oder das Unternehmen auf andere Weise saniert (USA 25 %, Österreich ca. 30 %)
  • 70 % aller bei Antragstellung noch „lebenden“ Unternehmen werden spätestens mit der Eröffnung liquidiert – ohne Beteiligung der Gläubiger

Aber auch für die Gläubiger war die bisherige Insolvenzabwicklung unbefriedigend:

  • Quote für ungesicherte Gläubiger durchschnittlich 3 - 4 %
  • Auszahlung erfolgt durchschnittlich nach vier Jahren
  • 2/3 aller Insolvenzfälle enden mit der Quote 0 %
  • 2/3 der Insolvenzmassen werden für die Verwaltervergütung aufgewendet

Die Folge hiervon war:

Viele Unternehmer haben versucht, eine Insolvenz mit allen erlaubten und manchmal nicht erlaubten Mitteln zu verhindern. Dies führte dann zu einer „self fullfilling prohecy“: Die liquiden Mittel, die für eine Fortführung notwendig gewesen wären, wurden aufgebraucht. Damit blieb auch dem sanierungswilligen Insolvenzverwalter zur Zerschlagung des Unternehmens meist keine Alternative.

Die Gläubiger haben sich meist nicht am Insolvenzverfahren beteiligt, denn wer steckt denn noch Zeit und Geld in eine Forderung, aus der bestenfalls 2 bis 3 % in fünf Jahren zu erwarten ist.

Die Alternative heißt ESUG

ESUG = Gesetz zu weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen

Mit dem zum 01.03.2012 in Kraft getretenen ESUG hat der Gesetzgeber auf diese Entwicklungen reagiert. Er will die Stigmatisierung des Begriffs der Insolvenz überwinden und durch die Anwendung der Eigenverwaltung gemäß ESUG eine zusätzliche Option in der Krise bieten.

Das ESUG bietet grundsätzlich zwei unternehmerische Handlungsmöglichkeiten:

§ 270a Insolvenzordnung (InsO): Sanierung in Eigenverwaltung

Das sogenannte "§270 a InsO-Verfahren" ist ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Das heißt, der Unternehmer bleibt weiterhin verfügungsberechtigt über sein Unternehmen. Ihm wird ein gerichtlich bestellter (vorläufiger) Sachwalter zur Seite gestellt, dessen Zustimmung bei bestimmten Geschäften erforderlich ist. Sämtliche insolvenzrechtlich notwendigen Handlungen erfolgen durch den Unternehmer. Sofern der Unternehmer selbst nicht über diesbezüglich ausreichendes Wissen verfügt, sollte der Unternehmer einen insolvenzerfahrenen Sanierer in die Geschäftsleitung berufen oder zumindest diesen als Sanierungsberater zur Durchführung aller insolvenzrechtlich notwendigen Handlungen beauftragen.
Dieses Verfahren kann, wie ein bisheriges Insolvenzverfahren zum Zeitpunkt der Insolvenzreife beantragt werden.

§ 270b Insolvenzordnung (InsO): Schutzschirmverfahren

Dieses spezielle Insolvenzverfahren ist nahezu identisch mit dem vorgeschilderten §270 a InsO-Verfahren. Es unterscheidet sich jedoch darin, dass es nicht erst bei Insolvenzreife, sondern bereits schon bei drohender Zahlungsunfähigkeit beantragt werden kann. Zum Nachweis der noch bestehenden und erst drohenden Zahlungsunfähigkeit ist eine Bescheinigung gemäß § 270b Absatz 1 Satz 3 InsO auszustellen.

Für beide Verfahren gilt, dass die Antragstellung sehr gut und frühzeitig mit einem erfahrenen Sanierungsberater vorbereitet werden sollte, da ansonsten eine Ablehnung des Antrags droht. Der Schuldner und Antragsteller kann und soll dem Gericht einen geeigneten Sachwalter vorschlagen.

Die Aufgabe des Sanierers im Eigenverwaltungsverfahren

Im ESUG-Verfahren (Eigenverwaltungsverfahren nach "§270 a + b InsO") übernimmt der Sanierer wesentliche Aufgaben, die im herkömmlichen Insolvenzverfahren durch den Insolvenzverwalter durchgeführt worden sind. Aufgrund dessen muss der Sanierer über umfangreiche Kenntnisse der Insolvenzabwicklung verfügen.

Darüber hinaus jedoch benötigt der Sanierer das Wissen und die Erfahrung, ein Unternehmen auch operativ und strategisch nachhaltig zu sanieren. Ferner muss der Sanierer sehr gute Kontakte zu leistungsfähigen Sachwaltern besitzen. Gerade eine gute Kooperation zwischen Unternehmer, Sanierer und Sachwalter ist ein wichtiger Faktor für den Sanierungserfolg.

Bisherige Erfahrungen mit ESUG

Nach anfänglicher Verweigerungshaltung und Skepsis der Gerichte und mehrerer Insolvenzverwalter ändert sich die Sichtweise auf das ESUG langsam. Zwar werden noch relativ häufig Anträge auf § 270a InsO -, und Schutzschirmverfahren abgelehnt, dies liegt jedoch meist an einer unprofessionellen Vorbereitung des Antrags. Mit einem erfahrenen Sanierungsberater an der Seite des Unternehmers erhöht sich die Chance einer Zustimmung zur Eigenverwaltung nach ESUG signifikant.
Die Erfahrungen bisheriger Eigenverwaltungen sind durchweg positiv. Zwar mussten gerade in den ersten Verfahren bestehende „Unschärfen“ des ESUG umschifft werden, wie z. B. die Problematik des Antrags zur Begründung von Masseverbindlichkeiten, die der Gesetzgeber nicht im § 270a geregelt hat, doch erfahrene Sanierer haben auch diese Gesetzesunzulänglichkeiten erfolgreich meistern können.

Erfahrungen aus selbst durchgeführten Eigenverwaltungsverfahren

► Die Chancen für die erfolgreiche Durchführung einer Sanierung statt einer Zerschlagung haben sich signifikant erhöht.

► Die Abwicklungszeit bis zur Auszahlung einer Quote an die Gläubiger und damit Aufhebung des Insolvenzverfahrens hat sich drastisch verkürzt auf durchschnittlich 9 Monate im Gegensatz zu 56 Monate als Durchschnitt konventioneller Insolvenzverfahren.

► Die Akzeptanz der Gläubiger hat deutlich zugenommen: im Durchschnitt haben fast 90% der Gläubiger als Lieferant das sich in der Eigenverwaltung befindliche Unternehmen weiterhin beliefert und die Geschäftsbeziehung aufrecht erhalten.

► Die Quote für die Gläubiger liegt mit durchschnittlich 14,8 % mehr als vierfach so hoch wie in konventionellen Verfahren.

► Der Unternehmer ist hoch motiviert, bleibt er doch als Chef im Sessel und hat die Aussicht auf ein grundsaniertes Unternehmen.

► Die Mitarbeiter sind ebenso stark motiviert, erhalten sie doch durch Ihre Leistung ihren Arbeitsplatz, der, im erfolgreich sanierten Unternehmen als noch sicherer bezeichnet werden kann.

Kosten des Verfahrens

In verschiedentlichen Fachartikeln ist immer wieder zu lesen, das Eigenverwaltungsverfahren sei, im Gegensatz zu dem was der Gesetzgeber gewollt habe, zu kostenintensiv und daher nachteilig für die Gläubiger. Hintergrund: Zwar reduziert sich die Vergütung des Sachwalters im Vergleich zum Insolvenzverwalter, je nach „Intensität“ des Verfahrens um ca. 30 bis 40 %. Im Gegenzug jedoch erhöht sich der Aufwand im Eigenverwaltungsverfahren durch den Einsatz des Sanierers.
Im besten Fall egalisiert sich hier der Aufwand. Erfahrungsgemäß ist aber der Kostenaufwand insgesamt höher, da die Kosten des Sanierers meist über den Einsparungen im Sachwalterhonorar liegen.

Trotz Allem ist die Eigenverwaltung günstiger! Warum?
Um einen reellen Kostenvergleich zu erhalten, darf man nicht die Verfahren vergleichen und das gleiche Ergebnis annehmen. Die Regelinsolvenz dauert, teilweise aus Gründen, die der Verfasser hier nicht unbedingt abbilden möchte, wesentlich länger wie ein vergleichbares Eigenverwaltungsverfahren. Wie die bereits erwähnten Daten zeigen, liegt die Durchschnittsdauer eines Regelinsolvenzverfahrens bei annähernd 5 Jahren. Legt man hier die Insolvenverwaltergebühren über die gesamte Laufzeit zu Grunde, schneidet das wesentlich kürzere Eigenverwaltungsverfahren deutlich kostengünstiger ab.

Fazit

Das Eigenverwaltungsverfahren zeigt bereits in der Kürze der Zeit der Anwendung auf, dass es sowohl auf der Gläubigerseite als auch der Unternehmerseite überwiegend Vorteile gegenüber dem Regelinsolvenzverfahren bietet. Entscheidende Voraussetzung dafür ist, dass das Eigenverwaltungsverfahren frühzeitig und professionell vorbereitet wird und die Sanierungschancen richtig eingeschätzt werden. Insolvenzerfahrene Sanierungsberater sollten die ersten Ansprechpartner für den Unternehmer sein, um zu untersuchen, ob die Sanierung im Eigenverwaltungsverfahren eine geeignete Alternative darstellt.