Innovation braucht Vertrauen: ZIM auf Eis – Ein Schlag ins Gesicht für die Zukunft des deutschen Mittelstands

Innovation braucht Vertrauen: ZIM auf Eis – Ein Schlag ins Gesicht für die Zukunft des deutschen Mittelstands

Dr. Hartmut Meyer, Bundesvorsitzender der KMU-Berater – Bundesverband freier Berater e. V.

Deutschland braucht Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität. Politik und Wirtschaft sind sich einig: Unser Land muss innovativer werden. Künstliche Intelligenz, Digitalisierung, Dekarbonisierung und der demografische Wandel verlangen nach neuen Technologien, neuen Geschäftsmodellen und mutigen Unternehmerinnen und Unternehmern. Umso unverständlicher ist das Signal, das derzeit von der Aussetzung neuer Anträge im Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) ausgeht.

Selbst wenn die Unterbrechung zunächst nur bis zur Verabschiedung des nächsten Bundeshaushalts vorgesehen ist, ist diese Entscheidung wirtschaftspolitisch das falsche Signal zur falschen Zeit. Innovation lebt von Kontinuität, Vertrauen und Planungssicherheit. Gerade diese drei Voraussetzungen werden durch einen Förderstopp erheblich beeinträchtigt.

Es geht dabei nicht allein um ein Förderprogramm. Es geht um die Frage, welchen Stellenwert Innovation künftig für den Wirtschaftsstandort Deutschland besitzt.

Deutschland ist ein Land der Dichter und Denker und kein rohstoffreiches Land. Unsere wirtschaftliche Stärke basiert seit Jahrzehnten auf Wissen, Ingenieurkunst und unternehmerischer Innovationskraft. Gerade in entwickelten bzw. innovationsbasierten Volkswirtschaften wie Deutschland sind Innovationen der Motor für Produktivität, Wachstum und Wohlstand. Sie sichern Wettbewerbsfähigkeit, schaffen hochwertige Arbeitsplätze und ermöglichen die Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen – vom Klimawandel bis zur Gesundheitsversorgung.

Der Mittelstand innoviert anders

In der öffentlichen Diskussion wird Innovation häufig mit großen Forschungsabteilungen, Patenten oder milliardenschweren Technologieprojekten in multinationalen Unternehmen gleichgesetzt. Diese Sicht greift zu kurz.

Vor allem der deutsche Mittelstand ist seit Jahrzehnten die Keimzelle zahlreicher Weltmarktführer und Hidden Champions. Familienunternehmen und mittelständische Betriebe entwickeln täglich neue Verfahren, verbessern bestehende Produkte und erschließen neue Märkte. Laut dem KfW-Innovationsbericht 2025 ist die Innovationsquote des Mittelstandes auf 41 % gestiegen. Dies bedeutet, dass fast jedes zweite mittelständische Unternehmen Produkt- oder Prozessneuerungen auf den Markt bringt.

Diese Innovationen im Mittelstand entstehen aus einer Kernressource des Mittelstandes: hohe technische Kompetenz verbunden mit Marktkompetenz. Sie entstehen häufig in der Werkstatt im engen Kontakt mit ihren Kunden, Lieferanten, Hochschulen oder Forschungseinrichtungen. Sie entwickeln bestehende Produkte weiter, verbessern Produktionsprozesse oder schaffen individuelle Lösungen für konkrete Kundenprobleme. Innovation entsteht hier nicht im Elfenbeinturm, sondern mitten im Markt.

Innovationen müssen nicht immer revolutionär oder disruptiv sein, um erfolgreich zu sein. Häufig sind es kontinuierliche Verbesserungen der Qualität, Effizienz und Effektivität von Prozessen, die Unternehmen produktiver machen und langfristig Wettbewerbsvorteile sichern. Gerade die Weiterentwicklung bestehender Produkte und Verfahren sowie deren Anpassung an Kundenbedürfnisse bilden die Innovationstätigkeit des deutschen Mittelstands ab. Aber gerade diese inkrementellen Innovationen werden häufig unterschätzt. Wissenschaftliche Untersuchungen unterschiedlicher Institute zeigen jedoch immer wieder, dass ihre volkswirtschaftliche Bedeutung enorm ist, da diese Innovationen aufgrund der Marktnähe häufig sehr erfolgreich sind. Dennoch aus dieser besonderen Kombination von technischem Know-how, Marktverständnis und Kundennähe entstehen jene Hidden Champions, die Deutschland weltweit bekannt gemacht haben und unsere Sozialsysteme sichern.

Innovation ist häufig auch ein Generationenprojekt

Innovation im Mittelstand ist oftmals eng mit einem Generationswechsel verbunden. Wenn die nächste Unternehmergeneration Verantwortung übernimmt, entstehen häufig die größten Innovationsschübe wie z. B. Einführung digitaler Prozesse, Nachhaltigkeit in der Produktion oder es werden sogar neue Geschäftsmodelle entwickelt.

Diese existenziellen Entscheidungen für den Mittelstand werden nicht über Nacht getroffen. Sie werden über Jahre vorbereitet und beruhen auf langfristigen Investitions- und Finanzierungsentscheidungen.

In dieser Phase benötigen mittelständische Unternehmer vor allem eines: Verlässlichkeit.

Aus diesem Grunde muss die deutsche Innovationspolitik auf Kontinuität aufbauen. Das kurzfristige Aussetzen mit Versprechungen im Konjunktiv bremst Innovationsprojekte auf mehrere Jahre aus und nicht nur wenige Monate, wie auch die Erfahrungen aus der Corona-Pandemie zeigen (KfW Innovationsbericht 2025).

Innovation folgt auch der Konjunktur

Innovationen entstehen nicht unabhängig von der wirtschaftlichen Entwicklung. Unternehmen investieren bevorzugt dann in neue Produkte und Verfahren, wenn sie Vertrauen in die zukünftige Entwicklung besitzen und wirtschaftliche Perspektiven erkennen. Nach Jahren multipler Krisen beginnen viele mittelständische Unternehmen gerade jetzt wieder verstärkt zu investieren. Rund 1,6 Millionen mittelständische Unternehmen haben in den vergangenen Jahren Innovationen hervorgebracht – trotz schwieriger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen (KfW Innovationsmotor 2025).

ZIM wurde gerade deshalb geschaffen, damit dieser Motor im Mittelstand weiter anläuft und sich ein Innovationsstau, der sich nach den Krisenjahren gebildet hat, wieder auflöst. Besonders die Veränderungen in der Globalisierung, Effekte durch die Digitalisierung, Nachhaltigkeit und dem demografischen Wandel fordern eine immer schnellere Anpassung und eröffnen auch neue Marktchancen. Ein Stopp dieses Programms bringt nicht nur einzelne Projekte in Gefahr, sondern auch ein ganzes Innovationsökosystem zwischen Unternehmen, Forschungseinrichtungen und weiteren Netzwerken.

Wissen und Netzwerke sind der wichtigste Rohstoff unserer Zeit

Innovation entsteht dort, wo Unternehmen voneinander lernen, Hochschulen ihr Wissen in die Praxis übertragen und Forschungseinrichtungen gemeinsam mit mittelständischen Unternehmen neue Lösungen entwickeln. Gerade kleinere Unternehmen verfügen selten über eigene Forschungsabteilungen. Sie sind deshalb in besonderem Maße auf Kooperationen, Netzwerke und den Zugang zu externem Wissen angewiesen.

Mindestens ebenso wichtig sind jedoch auch Investitionen in unsere Wissensinfrastruktur, die, wie wir wissen, an Universitäten, Forschungseinrichtungen, aber auch in unserem gesamten Schulsystem stark ausbaufähig ist. Deshalb gehören Innovationsnetzwerke, Wissenstransfer und Kooperationen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu den wichtigsten Zukunftsinvestitionen unseres Landes. Der Staat sollte genau diese Zusammenarbeit stärken – nicht unterbrechen.

Die Förderung von Innovationen ist die beste Wirtschaftspolitik

Als Bundesvorsitzender der KMU-Berater erlebe ich täglich, mit welcher Leidenschaft mittelständische Unternehmer Zukunft gestalten. Sie investieren nicht, weil sie Förderprogramme ausnutzen möchten. Sie investieren, weil sie ihre Unternehmen weiterentwickeln, Arbeitsplätze sichern und neue Märkte erschließen wollen. Förderprogramme wie ZIM ersetzen diesen Unternehmergeist nicht. Sie schaffen jedoch die notwendigen Rahmenbedingungen, damit aus Ideen marktfähige Innovationen entstehen können.

Deutschland braucht deshalb keine kurzfristigen Signale der Unsicherheit. Deutschland braucht Vertrauen besonders in seine Unternehmer und Unternehmerinnen.

Natürlich müssen öffentliche Haushalte konsolidiert werden. Dies geschieht nur über eine Überarbeitung der Sozialsysteme und durch ein Wirtschaftswachstum. Man kann auf der einen Seite nicht über einen Deutschlandfonds reden, Investitionsförderung und Bürokratieabbau. Besonders Zukunftsinvestitionen bauen auf Innovationen auf und dürfen somit nicht zum Steinbruch kurzfristiger Sparmaßnahmen werden.

Wer heute Innovationen verschiebt, spart nicht dauerhaft Geld. Er verschiebt Investitionen, verzögert Produktivitätsfortschritte und gefährdet die Wettbewerbsfähigkeit kommender Jahre. Der Mittelstand braucht deshalb keine Innovationspolitik im Krisenmodus. Er braucht eine verlässliche Mittelstands- und Wirtschaftspolitik. Eine Politik, die langfristige Planung ermöglicht.

Deshalb die eigentliche Frage lautet nicht, ob wir uns Innovationsförderung leisten können. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, ob wir es uns leisten können, auf Innovationen zu verzichten. Die Antwort des Bundesverbandes der freien Berater: die KMU-Berater ist somit eindeutig:

Deutschland darf nicht an seiner Zukunft sparen. Innovation ist kein Kostenfaktor. Innovation ist die wichtigste Investition in unseren Wirtschaftsstandort, in die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen und letztlich in den Wohlstand und die Stabilität unserer sozialen Sicherungssysteme. Wer heute an Innovation spart, spart morgen an den Chancen der nächsten Generation.

Dr. Hartmut Meyer